Mannheim-Seckenheim - St. Aegidius - 2017

Die heutige Pfarrkirche geht im wesentlichen auf einen zwischen 1903 und 1906 errichteten neobarocken Bau zurück. Einzig der 1737 erbaute Turm blieb vom vorherigen Gebäudekomplex erhalten. In den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges schwer beschädigt, wurde die Kirche zwischen 1949 und 1957 wiederaufgebaut und erhielt bei einer grundlegenden Sanierung 2007 ihre jetzige künstlerische Ausgestaltung durch die in Essen lebende Künstlerin Gabriele Wilpers, die auch den Orgelprospekt mitgestaltete.

Fragile Klänge

Die Orgel greift stilistische Vorbilder aus dem süddeutschen Raum der Zeit der "Empfindsamkeit" auf, d.h. klanglich steht sie mit dem einem Bein in der Zeit des späten Barock und wagt mit dem anderen schon einen Schritt hinein in die frühe Romantik.

 

Dabei ist das Instrument keine Stilkopie geworden, sondern es wurden vielmehr Ideen und Aspekte des Orgelbaus aus dem späten 18. Jahrhundert aufgegriffen (z.B. Mensuren, Windanlage mit Keilbälgen, hängende Trakturen) und diese neu interpretiert - schließlich sind wir alle Menschen des 21. Jahrhunderts. Genau aus diesem Ansatz heraus fiel auch die Entscheidung, ein Gehäuse in moderner Gestaltung zu bauen.

 

Um eine spätbarock-frühromantische Klanglichkeit nachempfinden und die in der Disposition intendierte Stilistik besonders gut zur Geltung bringen zu können, wurde auf diese Mittel zurück gegriffen:

  • Windanlage mit Keilbälgen und Aufzugsvorrichtung, um einen in sich ruhigen (verwirbelungsarmen) und dabei dynamischen Wind zu erhalten
  • Die sensible hängende Traktur ermöglicht einen direkten und sensiblen Zugriff auf das Pfeifenwerk - Insbesondere bei den zart-zerbrechlichen Streichern ist das ein heute leider viel zu selten zu erlebendes Spielerlebnis!
  • Gestaltung der Mensuren nach Vorbildern aus dem süddeutschen Raum aus dem 18. und (sehr) frühen 19. Jahrhundert
  • Verzicht bei den Streicherstimmen auf Ansprachehilfen (Rollenbärte etc.) um eine natürliche, dabei aber in unterschiedlichen Graden fragile Tonentwicklung ermöglichen zu können
  • Äußerst sparsame Kernbehandlung, um eine breite Obertonentwicklung zu ermöglichen, die eine gesunde Geräuschhaftigkeit der Pfeife voraussetzt
  • Das gesamte Pfeifenwerk ist auf "Ton geschnitten", d.h. (negativ) klangverändernde Hilfmittel wie Stimmrollen fehlen - der höhere Zeitansatz ist klanglich ausgesprochen lohnenswert!
  • Die Zungenstimmen erhielten ausgedünnte Zungenblätter. Die alten Meister hatten aufgrund des ihnen zur Verfügung stehenden Messings keine andere Wahl. Sich diesen Aufwand heute "anzutun", hat zum Ziel, mit unserem Messing (das dem historischen Material kaum nahe kommt) möglichst dicht an "alte Klänge" heran zu kommen.
  • Wie schon in Rheinberg-Borth haben wir uns auf den anstrengenden Weg begeben, möglichst viel an den Zungenstimmen selbst zu bauen. Das Ergebnis rechtfertigt den hohen Aufwand, wie die unten zu sehenden Bilder belegen - hörbar ist es auch geworden.
  • Die gelegte ungleichstufige Temperierung greift die Angaben aus dem "Werkstattbuch der kurpfälzischen Orgelmacher Wiegleb" auf und gibt damit auch ein wenig lokales Kolorit.

 Als Sachverständiger fungierte Prof. Dr. Michael G. Kaufmann.

I. Hauptwerk C - f'''
Quintatön  16'
Principal 8'
Gembshorn 8'
Viola di Gamba 8'
Flautravers (ab g) 8'
Octav 4'
Rohrflöth 4'
Quint 3'
Superoctav 2'
Sexquialter 2f., rep. auf g 1 1/3' + 4/5'
Mixtur 3-4f. 1 1/3'
Trompet 8'
Tremulant allegro  
   
Pedal C - d'
Principal-Bass 16'
Violon-Bas 16'
Sub-Bass 16'
Octav-Bass (Ext.) 8'
Cello-Bass 8'
Gedackt-Bass (Ext.) 8'
Posaunen-Bass 16'
Posaune (Ext.) 8'
II. Hinterwerk C - f'''
Holzprincipal  8'
Copel 8'
Salicional 8'
Dolce 8'
Piffera (ab c) 8'
Fugara 4'
Spitzflöth 4'
Nasat 3'
Waldflöth 2'
Terz 1 3/5'
Sifflöth 1'
Chalumeau 8'
Tremulant adagio  
   
Accordstern  
   
II/I - Bass-Diskantgeteilt  
I/P, II/P  
   
Temperierung nach Wiegleb  
   

Impressionen


Work in progress - Bilder aus dem Arbeitsprozess