KunstHandWerk - HandWerksKunst

Über sich selbst zu schreiben, heißt immer auch, sich der Gefahr auszusetzen, bestimmte Begegnungen, Eindrücke, Erfahrungen und manchmal auch nur Zufälle überzubewerten, in ein zu grelles Licht zu rücken, oder auch durch die Selektivität unserer Wahrnehmung bedingt, umzudeuten – in der Regel ganz im Sinne der eigenen „Legende“.

 

Nichtsdestotrotz lassen sich für das Leben und Wirken einer jeden Person bestimmte markante Wegmarken ausmachen, ohne die die weitere Entwicklung nicht denkbar gewesen wäre. Für mich als Intonateur sind dabei zwei Stränge ganz wesentlich: Zum einen meine musikalischen und zum anderen meine handwerklichen Erfahrungen.

Photo: Franz Peters, Goch

Musikalische Erfahrungen

Neben den „selbstverständlichen“ musikalischen Erfahrungen die ein jeder Musiker in der einen oder anderen Weise in seiner Jugend gemacht hat, war es der frühe Kontakt mit der „historisch informierten Aufführungspraxis“, den ich auch heute noch als Schlüsselerlebnis in meinem Leben empfinde.

 

Im noch recht zarten Alter von 15 Jahren hatte ich mich 1995 zur „1. Greifswalder Sommerakademie Orgel“ angemeldet, bei der Orgelmusik von Dieterich Buxtehude (da hatte ich wohl das eine oder andere schon gespielt) und Arvo Pärt (was Neuland war und auch meine geschätzte Orgellehrerin anfänglich zumindest irritierte) auf der Agenda stand. Prof. Dr Matthias Schneider, der mich auch während meiner späteren Studienzeit an der Ernst-Moritz-Arndt Universität Greifswald maßgeblich prägen sollte, stieß für mich das Fenster zu einer vollkommen neuen Welt auf, in der ich mich gewissermaßen bis heute wohlfühle. Die Arbeit an einem musikalischen Werk, die eine Auseinandersetzung mit der Art und Qualität seiner Quellen, das Erkunden der entsprechenden Spielweise, das Ausleuchten des historischen Kontexts und nicht zuletzt die Betrachtung des zeitgemäßen Instrumentariums einschließt, ist für mich Basis lebendigen Musizierens, das am Ende selbstverständlich über diese „Grundlagenstudien“ hinauswachsen soll.

Historische Orgeln - Vorbilder

In den Grenzbereich zwischen musikalischen und handwerklichen Erfahrungen tritt für mich der Kontakt mit historischen Instrumenten. Gerade für uns als Organisten, die wir nur in den seltensten Fällen ein Instrument unser Eigen nennen können, ist die immer wieder neue Annährung gerade an alte Orgeln ungemein wichtig, vor allem für das Verständnis der mit diesen Instrumenten verknüpften Musik. Tritt man als Musiker mit einer Orgel in einen Dialog ein und versucht sie nicht bedingungslos dem eigenen (vorgefassten) Willen zu unterwerfen, entstehen für mich die schönsten Momente beim Musizieren. Das schließt die Erfüllung, wie auch die Enttäuschung klanglicher Erwartungen gleichermaßen mit ein.

 

So wie einem die Musik Heinrich Scheidemanns erst auf einem mitteltönig gestimmten Instrument norddeutscher Prägung wirklich aufgeht (und auf einer gleichstufig temperierten pseudobarocken Orgel des 20. Jahrhunderts schrecklich langweilig klingt), sprang bei mir der Funke für die französische Romantik erst beim Kennenlernen der Orgeln Cavaillé-Colls und seines Umfeldes über, in Verbindung mit der genau für diesen Instrumentypus komponerten Musik.

 

Kurzum: Das Besuchen klanglich wertvoller alter und neuer Instrumente ist für mich als Musiker und Handwerker in gleichem Maße wichtig, um zu lernen, um Inspiration, aber auch eine kontextuelle Einordnung des eigenen Tuns zu finden.

Handwerkliche Erfahrungen

Der Weg in den Orgelbau war für mich alles andere als vorgezeichnet – familiäre Vorbelastung lag keine vor und auch dahingehende Erwartungen dürften anfänglich keine vorhanden gewesen sein. Die Initialzündung war mit Sicherheit der Kontakt mit Hermann Weber aus Leutkirch im Allgäu, der mir eine Ausbildung zum Orgelbauer ermöglichte, mit der Maßgabe dabei Fähigkeiten und Fertigkeiten aus dem Bereich der Intonation zu erlernen. Das ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit, kommt doch der „normale Auszubildende“ außer tastenhaltend (und dabei frierend) bei Stimmarbeiten damit eher nicht in Berührung. Diesen Umstand kann man gar nicht genug würdigen, denn bei einer „normalen“ Ausbildung wäre ich wahrscheinlich eher nicht bei der Sache geblieben. Seine Sicht auf den Orgelbau und seine Art die Orgel als Ganzes zu denken, fasziniert und prägt mich bis heute – einschlägige Erfahrungen in und mit der oberschwäbischen Orgellandschaft taten das ihre. Waren mir als "Kind der Küste" die Orgeln eines Gabler, Holzhey, Riepp & Co. anfänglich eher fremd, liebe ich diese Instrumente heute über alle Maßen. Das Kennenlernen dieser Instrumente, der Kulturlandschaft in welche sie eingebettet sind und letzten Endes der gemäßen Musik, zählt zu den Lebensphasen, derer ich mich besonders gern erinnere.

 

Nach der oberschwäbischen Beschaulichkeit schlug dann, trotz aller Liebe zu dieser, nach der Ausbildung die Neugier auf etwas Neues durch und ich wollte in eine große Firma mit gänzlich anderem Profil wechseln. Die Möglichkeit eröffnete sich für mich bei der traditionsreichen Firma Rieger Orgelbau in Schwarzach, Vorarlberg. Auch hier bekam ich dankenswerterweise wieder die Möglichkeit, gleich im Bereich Intonation (anfänglich eher) Lernen und (später mehr) Arbeiten zu dürfen. Zu Beginn sollte ich vereinbarungsgemäß einen halbjährlichen Kurs durch die technischen Abteilungen der Werkstatt machen, um etwas „Stallgeruch“ zu bekommen. Auch hier muss ich sagen, fügte es das Schicksal ganz gut, so dass dieses Vorhaben durch Knappheit an Intonationspersonal bedingt, vorzeitig endete und ich beginnen konnte, mit Michel Garnier zusammenzuarbeiten. Von ihm habe ich sicherlich mengenmäßig in der Intonation das meiste gelernt und wie schon Hermann Weber, ließ er mich auch einfach im besten Sinne machen – selbstgemachte Erfahrung ist jedem durch daneben stehen erworbenen Wissen nun einmal haushoch überlegen.

Erste Gehversuche

War es anfänglich die übliche technische Zuarbeit, wie Aufschneiden, Füße vorbereiten und Stimmrollen schneiden, so durfte ich schon recht bald selbständig Register vorintonieren.

Erste wirklich prägende Intonationserfahrung war dann die Arbeit an der und für die Regensburger Domorgel 2008 und 2009. An so einem großen Instrument in recht jungen Jahren (und aus heutiger Sicht mit wenig Erfahrung) so weitreichend mitarbeiten zu dürfen, war eine Chance für die ich auch heute noch sehr dankbar bin. Letztlich wurde dadurch der weitere Weg geebnet.

 

Nebenstehendes Bild entstand bei einem späteren Besuch am mechanischen Spieltisch der Domorgel.

Nächster großer Meilenstein war die Orgel für den Goldenen Saal im Wiener Musikverein. Ein Projekt das quasi eine Brückenstellung einnimmt. Konzept und Mensuren gehen (seitens Rieger) auf Michel Garnier zurück, jedoch bekam ich die Möglichkeit, über sehr weite Strecken selbstständig sowohl die Vor-, als auch die Raumintonation zu betreuen – gewissermaßen "an der sehr langen Leine".

In meiner eigenen Wahrnehmung empfinde ich das als erste selbständige Arbeit, da bis auf sehr wenige Ausnahmen eben niemand mehr hinter mir stand, den ich um Rat hätte fragen können, oder der korrigierend eingreift. Dass die Arbeit an solch geschichtsträchtigem Ort in vielerlei Hinsicht im Leben einmalig und prägend ist, braucht kaum betont zu werden.

(nebenstehendes Bild: Wolf Dieter Grabner, Wien)

 

Im Jahr 2014 bin ich nach einer schönen und fordernden Zeit bei Rieger Orgelbau zur Firma Orgelbau Seifert nach Kevelaer gewechselt, wo ich bis Ende 2017 als Intonateur tätig war.