Düsseldorf - Neanderkirche - 2016

Orgel der Neanderkirche Düsseldorf

Die Neanderkirche in der Düsseldorfer Innenstadt ist durch ihre zurückgesetzte Lage gegenüber des beliebten Brauhaus Schlüssel eher unscheinbar gelegen. Dennoch zählt sie ohne Frage zu den bedeutenden Innenstadtkirchen der Düsseldorfer Altstadt, durfte aufgrund gegenreformatorischer Bestrebungen zwischen 1683 und 1687 allerdings nur als "Hinterhofkirche" errichtet werden.

 

Die Kirche beherbergt ein 1965 durch die Firma Rieger aus Schwarzach errichtetes Instrument, das in der Orgellandschaft der Stadt einen durchaus prominenten Platz einnimmt. Die jährlich stattfindenden "Sommerlichen Orgelkonzerte" sind eine ebenso feste Größe im Düsseldorfer Musikleben, wie das jahrzehntelange Wirken des Organisten und Komponisten Oskar Gottlieb Blarr als Kirchenmusiker der Neanderkirchengemeinde.

 

Im Nachgang zu  notwendigen Renovierungs- und Sanierungsarbeiten an der Neanderkirche, wurde im Jahr 2016 eine Ausreinigung des Instrumentes notwendig, die guten Anlass bot, in diesem Zusammenhang einige technische und klangliche Defizite zu beheben.

Ausgangslage und Modifikationen

Zweifelsohne stellt das Instrument der Neanderkirche nicht nur für die Orgelstadt Düsseldorf ein bedeutendes Instrument dar, sondern auch für seine Erbauerfirma Rieger. Sie steht mit ihrem Baujahr 1965 in einer Linie mit so bedeutenden Instrumenten wie jenem im Freiburger Münster (Hauptorgel, 1965, IV/P/61), dem weniger bekannten aber ebenso qualitätvollen Instrument in der Weingartener Marienkirche (1967, III/P/44) und sicher auch mit einem der größten Neubauten aus den 60er Jahren Riegers in Rothenburg o.d.T., St. Jakob (1968, IV/P/69).

 

Ganz geradlinig und eindeutig kann der Weg von der Planung zum fertigen Instrument nicht gewesen sein. Manches mag dem im Orgelbau auf ewig allgegenwärtigen Zeitmangel geschuldet gewesen sein, manches auch einem experementell anmutenden Arbeiten, das im Nachgang als korrekturwürdig eingeordnet werden muss und musste - war die Geschichte des Instrumentes doch von zahlreichen Modifikationen geprägt, die es im Laufe der Zeit nicht unerheblich von seinem (nun hypothetischen) Ausgangszustand entfernt haben. Kurzum: Das klassische Schicksal einer im Fokus stehenden Stadtkirchenorgel, an der ein komponierender Organist wirkt, der das Instrument immer wieder ein kleines Stück gemäß seinen Musiziererfahrungen anpassen lässt.

 

Windversorgung

Als schon konstruktionsbedingt von Anfang an kritisch kann die Windstabilität der Orgel gewertet werden. Im Rahmen einiger Experimente stellte sich heraus, dass nicht allein die installierte Gebläseleistung zu niedrig war, sondern vielmehr die Dimensionen der Tonkanzellen viel zu weit waren, was zu starkem Druckabfall in denselben führte. Schließlich hieß das, die betroffenen Tonkanzellen recht aufwändig zu verkleinern und ein neues Gebläse einzubauen. Letzteres auch im Hinblick auf die zusätzlich installierten Subkoppeln, um dem damit einhergehenden höheren Windverbrauch gerecht zu werden.

 

Principal 16' - Prospekt

Eine ähnliche Hypothek aus der Erbauungszeit war der Principal 16', der zum einen in der ersten halben Oktave nur gedeckt ausgeführt war und damit der Größe und Kraft der Orgel nicht wirklich gerecht wurde. Zum anderen waren die als Prospekt ausgeführten Pfeifen ursprünglich nicht für die Neanderkirche bestimmt und damit nur eine "Notlösung". Dass diese nun auch noch durch zusammensinkendes Material Schäden im Fuß- und Labienbereich aufwiesen, tat das Übrige, um das Register nur noch ein Schatten seiner selbst sein zu lassen.

Ein Neubau der Prospektpfeifen war unausweichlich und erfolgte in geringfügig weiterer Mensur als ursprünglich. Außerdem wurden die innenstehenden Pfeifen in offener Holzbauweise ausgeführt, so dass nun ein wirklich fundamentaler Principalbass zur Verfügung steht.

 

Quinte 10 2/3'

Von Rieger 1965 war dieses als eigenständig in vielen Dispositionsangaben geführte Register nur als Quintabgriff aus dem Subbass 16' gebaut worden. Zu dieser Zeit in Kontinentaleuropa ein durchaus seltenes Verfahren, das Josef Glatter-Götz aber spätestens bei seinen damals zahlreichen Aktivitäten in den USA kennengelernt haben dürfte. Auch wenn sich diese Bauweise inzwischen auch in unseren Breiten einer gewissen Beliebtheit erfreut: Einen wirklich gut funktionierenden Quintbass erhält man so schon aus physikalischen Gründen nicht. Platz war ausnahmsweise genug da, so dass ein realer Quintbass eingebaut werden konnte, der sich nun auch besser auf den neuen Principalbass hin abstimmen ließ und trotzdem auch mit dem Subbass zusammen gut funktioniert.

 

Labialpfeifenwerk

Das Klangbild der Orgel erfreute sich immer großer Beliebtheit, so dass hier unter der Maßgabe gearbeitet wurde, keine stärkeren Eingriffe vorzunehmen. Vielmehr stand das Vorhaben im Vordergrund, behutsam die individuellen Qualitäten der Einzelregister etwas besser herauszuarbeiten und zu stärken. Wobei hier klar gesagt werden muss, dass die Intonation im Laufe der Jahrzehnte bereits an vielen Stellen (stark) überformt wurde - je nach "Prominenz" des Registers in unterschiedlichem Maße. Größter Leidtragender war dabei wie gewöhnlich der Principal 8' des Hauptwerks.

 

Mixturen

Im Bereich der gemischten Stimmen wurden schon bei Erbauung des Instruments Änderungen in Chorzahl und Repetitionsverlauf vorgenommen, was sich recht leicht an der jeweils größten Pfeife ablesen lässt, die eine Stempelung mit der Zusammenstellung der entsprechenden Stimme trägt.

So war durch Rieger beispielsweise im Hauptwerk eine sechsfache Mixtur auf 2'-Basis geplant, die obendrein in jeder halben Oktave repetieren sollte und somit schon auf gs'' in den unausweichlichen 10 2/3'-Chor gemündet hätte - das fand vor den "Orgelbewegungsohren" natürlich keine Gnade.

Nach "Spurenlage" muss auch schon sehr früh eine Verkleinerung der Mixturen von Hauptwerk und Schwellwerk stattgefunden haben - nicht immer unter Stillegung der höchsten oder doppelten Chöre, sondern zuweilen auch der tiefsten.

Ziel bei den jetztigen Arbeiten war es, den Mixturen etwas ihre Härte und Statik zu nehmen und sie in ihrer Zusammenstellung etwas weniger orgelbewegt-exaltiert erscheinen zu lassen. Auf dem Papier wirken diese Konzepte der 60er Jahre oftmals gleichwohl interessant, in der Praxis überzeugen sie hingegen eher selten.

Aus diesem Grunde wurde die Buntzimbel des Hauptwerks auch in eine weniger schillernde Terzzimbel umgewandelt. Das ursprüngliche Register dürfte einen Teil seiner Buntheit nicht nur durch die entlegenen Obertöne bezogen haben, von denen ein Chor schon lange stillgelegt war, sondern teilweise auch durch die "entrückte" Stimmung in der es sich am Beginn der Arbeiten darstellte - einen 16/13'-Chor ab d'' schneidet man nach Gehör wohl doch nicht so einfach ab. Die sich über jahrzehnte anschließenden Stimmversuche gaben vielen Pfeifen dann den buchstäblichen Rest.

Die durch Rieger geplanten Mixturen, die realisierten Zusammenstellungen und alle nachvollziehbaren Modifikationen, wie auch die jetzt klingenden Verläufe wurden tabellarisch dokumentiert und können bei Interesse gern erfragt werden.

 

Zungenstimmen

Besonderes Merkmal des Instrumentes in der Neanderkirche ist sein hoher Reichtum an Zungenstimmen. Einerseits wurde, wie für die 60er typisch, auf eine breite Palette an Bauformen Wert gelegt, andererseits enthält das Schwellwerk einen vollständigen Chor aus 16', 8' und 4' Trompeten, der zumindest in der Theorie an Frankreich denken lässt.

Es lassen sich zwei Schichten Zungenstimmen unterscheiden: Einerseits durch Rieger zugekaufte Katalogware im Stile der Zeit (z.B. die Zungen des Rückpositivs), andererseits durch Rieger selbst angefertigte Zungen (z.B. Trompeten des Schwellwerks) mit den typischen Phosphorbronzeblättern. Die Riegerschen Zungen weisen bei weitem noch nicht den qualitativen Stand auf, den man bei Zungen später aus diesem Hause gewohnt ist. Manches wirkt in der Machart noch improvisiert und nicht ausgereift, was bei der Intonation zur Herausforderung wird. Hier heißt es, die dadurch gesetzten Grenzen zu akzeptieren und das beste draus zu machen

Ein Produkt verschiedener Überformungen ist beispielsweise auch der Sordun 8' aus dem Kleinpedal, welcher ursprünglich den Namen Saxophon 8' trug. Die reichen Spuren verschiedener Intonationen und "vom Spielen" mit der Becherlänge machen deutlich, dass hier schon viel Schweiß geflossen ist.

Die Bombarde des Pedals wurde bereits in den frühen 2000er Jahren durch eine neue in voller Becherlänge ersetzt (Killinger).

 

Temperierung

Um den im Grunde barock anmutenden Kern der Orgel und ihre etwas herbe Klanggestalt besser hervortreten zu lassen, entschied man sich, im Rahmen der Intonationsüberarbeitung eine ungleichstufige Temperierung nach Bach-Kellner zu legen. Das gesamte Orgelmusikspektrum bleibt spielbar, allerdings sind die Tonarten sehr deutlich charakterisiert.

 

weitere Arbeiten im technischen Bereich

Schon in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde die Orgel mit einer Setzeranlage ausgestattet, die immer noch zuverlässig ihren Dienst versieht.

Seit 2016 ist es nun auch möglich, sämtliche Manualkoppeln wahlweise mechanisch oder elektrisch zu spielen, was bei der ohnehin schon recht schwergängigen Traktur in der Praxis eine deutliche Erleichterung ist.

Zu diesen sofort erfahrbaren Maßnahmen gesellen sich zahlreiche kleinere, bei denen Verschleißteile und Materialien getauscht und erneuert wurden.

I. Rückpositiv C bis c''''
Holzflöte (ursprgl. Bennung: Metallflöte)

8'

Rohrpommer

4'

Principal

2'

Gemsquint 1 1/3'
Terzsepta II 1 3/5'
Scharff III 1 1/3'
Holzdregal 16'
Holzdulcian 8'
Tremulant  
   
III. Schwellwerk C bis c''''
Principal 8'
Schwebung 8'
Gedacktflöte 8'
Geigenoctave 4'
Spitzgedackt 4'
Nazard 2 2/3'
Quarte de Nazard 2'
Terz 1 3/5'
Octave 1'
Mixtur III-IV 2'
Trompete 16'
Trompete 8'
Trompete 4'
Tremulant  
   
Nachtigall  
Normalkoppeln III/II, III/I, I/II  
(wahlweise mech. oder elektr.)  
Subkoppeln III/III, III/II (elektr.)  
Pedalkoppeln I/P, II/P, III/P  
Setzer  
II. Hauptwerk C bis c''''
Gemshorn 16'
Principal 8'
Koppelflöte 8'
Octave 4'
Rohrflöte 4'
Superoctave 2'
Sesquialter II 2  2/3'
Cornet V 8'
Mixtur V 1 1/3'
Terzzimbel III 1/3'
Musette 8'
Chamade 8'
Clairon (en chamade) 4'
Tremulant  
   
Großpedal(gehäuse) C bis g'
Principal 16'
Subbass 16'
Quinte 10 2/3'
Rohrpfeife 8'
Sesquialter II 5 1/3'
Bombarde 16'
Chamade 8'
Chamade 4'
   
Kleinpedal(gehäuse) C bis g'
Octave 8'
Octave 4'
Octave 2'
Hintersatz VI 4'
Sordun 8'
Tremulant